Benningen „Wir haben uns zu weit von der Natur entfernt“

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Auch Schmetterlinge werden immer seltener. Foto: dpa

Benningen - In seinem neuesten Buch nennt der Leiter der Umweltakademie Baden-Württemberg Taten und Täter und sagt, was jeder tun kann, um die Natur vor dem Verstummen zu bewahren.

Herr Hutter, so schnell wie Sie Bücher schreiben, kann man sie gar nicht lesen. Das neueste Werk trägt den Titel „Das Verstummen der Natur“. Ihr wievieltes Buch ist es?

Ganz genau kann ich Ihnen das gar nicht sagen, vielleicht Nummer 70. Zum Thema, also wie wir das Verschwinden der Insekten, Vögel und Pflanzen aufhalten können, recherchiere ich letztlich schon seit Jugendjahren. Das Buch an sich wollten mein Mit-Autor, Volker Angres, und ich eigentlich noch gar nicht schreiben, aber der Verlag war der Ansicht, dass das Thema momentan zum Himmel schreit.

Lassen Sie uns gleich in die Thematik einsteigen. Das aktuelle Artensterben, so eine der Hauptaussagen im Buch, stellt sich anders dar als früher. Was unterscheidet das Heute vom Früher?

Die Geschwindigkeit. Es hat immer ein Verschwinden von Arten gegeben. Und immer haben sich neue entwickelt. Aber auf den Punkt gebracht kann man sagen: Wir haben in den vergangenen 50 Jahren geschafft, was wir in 50 000 Jahren nicht geschafft haben.

Ein konkretes Beispiel?

In Baden-Württemberg haben wir inzwischen rund 540 verschiedene Arten von Wildbienen. Die Hälfte ist so gut wie weg und der Rest ist hoch bedroht. Bei den Schmetterlingen sieht es genauso aus. Trotz einer intensiven Landbewirtschaftung war das vor 100, 200 Jahren nie so der Fall.

Können Sie das an einer Art konkret veranschaulichen?

Wenn es immer weniger Fliegenarten, Heuschrecken, Wildbienen gibt, dann bricht natürlich an der Basis die Nahrungskette weg und dann brauchen wir uns nicht wundern, wenn es auch immer weniger Rauch- und Mehlschwalben und andere Vogelarten gibt.

Es geht aber nicht nur um das Artenspektrum, sondern auch um die Zahl der Individuen?

Genau. Weltweit gibt es nahezu eine Halbierung der Individuen bei unzähligen Arten.

Und Deutschland zählt in der Negativbilanz zu den Spitzenreitern?

Deutschland und Europa – ja. Überall wo agrarindustrielle Landwirtschaft als staatlich subventionierter Raubbau betrieben wird.

Das bedeutet – drastisch ausgedrückt – die Landwirte sind Teil der Ursache für das Artensterben?

Sozusagen – aber hinter den Bauern steckt ja auch immer ein Gesellschaftsystem. Wie ernähre ich mich? Auf was achte ich beim Einkauf? Ist für mich die Art des Anbaus und der Herstellung wichtig? Und bin ich bereit, für Lebensmittel mehr auszugeben, damit Landwirte wieder zu Bauern werden können. Das Thema ist sehr komplex. Nehmen Sie einmal unsere Gegend – die geliebten Störche von Großbottwar. Abgesehen davon, dass unsere Landschaft nicht die Basis hergibt, dass sich die Störche hier wieder ansiedeln, braucht es auch eiweißreiche Nahrung. Die finden die Störche unter anderem bei Käfern. Käfer oder deren Larven leben wiederum in Kuhdung. Die Weidewirtschaft, die man dafür bräuchte, findet hier bei uns so gut wie nicht mehr statt. Also fehlt die Nahrungsbasis. Wir durchbrechen viele Nahrungsketten und wundern uns dann, dass Arten aussterben.

Was können denn private Gartenbesitzer tun, um das Artensterben zu stoppen?

Hunderttausende von Vorgärten in Deutschland sind in Steinschotterflächen verwandelt worden. Irgendwo steht ein armseliger Buchskübel, der unter der Hitze leidet, aber das war es dann auch schon. Was wiederum Auswirklungen auf das Kleinklima hat – wenn man viele solcher Flächen zusammennimmt. Außerdem kann keine Wildbiene mehr ihre Baue im Boden anlegen. Dann werden irrigerweise Insektenhotels aufgehängt, weil die Leute es gut meinen.

Was ist schlecht an einem Insektenhotel?

Es ist gerade so, wie wenn ich ein Haus hätte, mit einem Dach über dem Kopf, aber ohne Kühlschrank. Zwei Drittel aller einheimischen Wildbienen nisten nicht in solchen Insektenhotels, sondern graben in den Boden.

Das heißt: Leute hängt keine auf?

In etwa, oder nur dann, wenn es auch Blütenpflanzen mit Nektar und Pollen gibt. Im deutschen Einheitsrasen finden die Tierchen einfach nichts. Viele sind falsch konstruiert. In der Regel die, die man fertig in den Baumärkten kaufen kann. Wenn man ein wenig Altholz nimmt und es anbohrt, bringt es viel mehr. Es gibt aber auch Bienen, die in Schneckenhäusern oder in hohlen Stängeln nisten. Wenn unsere Gärten aber immer mehr Steinwüsten gleichen und es keine Schneckenhäuser mehr gibt, wird es auch für sie schwer. Wenn man keinen Mut hat zur wilden Natur, nützt auch ein Insektenhotel nichts.

Warum schreitet das Artensterben so rasant voran?

Wir fördern das Falsche, weil damit viel Geld verdient wird. Wogegen ich im Grunde nichts habe, aber beim Thema Nachhaltigkeit muss man einfach genau hinschauen, wem was nutzt. Wir haben definitiv eine verfehlte Agrarpolitik. Und zu dieser Intensität gehört ein katastrophales Chemiebombardement. Das Verwenden von Düngemitteln und Pflanzenschutzmitteln spielt eine zentrale Rolle bei der Ursachenforschung des Artensterbens.

Dann sind wir ganz schnell bei der Diskussion um Glyphosat. . .

Da brauchen wir gar nicht diskutieren, ob es dem Menschen schadet, wenn er aus Versehen etwas abbekommt. Durch den Einsatz von Glyphosat verschwinden Wildpflanzen aus unserer Natur. Und es gibt viele Insektenarten, die auf bestimmte Wildpflanzenarten gepolt sind. Also tötet Glyphosat indirekt. Unsere Lebensweise hat sich von den Naturrhythmen abgekoppelt – wofür keiner etwas kann – und deshalb verstehen viele nicht, wie dramatisch die Situation ist. Ich bin eigentlich ein positiv denkender Mensch, aber wir stehen vor einem Artenkollaps. Der ökologische Staatsbankrott ist schon da. In Berlin diskutiert man über geschlechtsneutrale Toiletten und hier geht die Natur, also unsere Lebensgrundlage, vor die Hunde. Die meisten Menschen haben einfach keinen Bezug mehr zur Natur.

Das heißt, wir müssen Druck auf unsere Politiker ausüben?

Die Politik schläft seit Jahrzehnten. Es gibt in allen Parteien Politiker, die sich um das Thema kümmern, aber auf die wird zu wenig gehört. Leider. Ich fürchte, es muss noch viel mehr zum Kollaps kommen, bis etwas passiert.

Sie gehen davon aus, dass ein Kollaps kommen wird?

Wenn wir so weitermachen ja.

Er würde sich wie darstellen?

In China gibt es ja jetzt schon Menschen, die auf Apfelbäumen sitzen und von Hand jede einzelne Blüte bestäuben. Die Pollen werden im Norden Chinas gewonnen und in kleinen Tüten teuer weiterverkauft. Im Süden gibt es keine Honig- und Wildbienen mehr.

In Ihrem Buch beschreiben Sie eine Reise nach Singapur – die fast schon beängstigend anmutet. Ein Park, in dem die Natur und Tierwelt fast schon spielfilmreif inszeniert wird. Künstliche Wasserfälle, Vogelstimmen aus Lautsprechern, eine Stahl-Kunstbaum-Landschaft, imitierter Bergwind aus Luftdüsen. . .

Wir haben uns zu weit von der Natur entfernt. Die Menschen dort kennen es nicht anders. Und die von Menschen geschaffene Kunstnatur mit Erlebnis auf Knopfdruck ist aus meiner Sicht eine Katastrophe.

Ist es nicht so, dass es in unserer Gesellschaft zwei Strömungen gibt? Die einen, die wieder hin zur Natur wollen und gehen, und eben die anderen, die sich immer weiter von ihr entfernen?

Ja – diese zwei Strömungen gibt es. Es gibt eine zunehmende Begeisterung für Natur und Tier. Zeitschriften wie Landlust boomen. Auch viele junge Menschen finden wieder Zugang. Aber dennoch machen wir weiter, wie wenn nichts wäre. Wir sitzen in einem Boot und rudern weiter auf einen Wasserfall zu – obwohl wir wissen, dass er bald kommt, und bohren nebenher noch Löcher in unser Boot, statt gemeinsam gegenzusteuern.

Gehandelt werden muss ja auf unterschiedlichen Ebenen. Was kann ich als ganz normaler Bürger denn tun, um gegenzusteuern?

Zunächst einmal massiv auf unsere Politiker zugehen, damit diese den Druck spüren und weitergeben. Die Älteren unter uns können und sollten ihr Wissen über die Natur an die Jungen weitergeben. Auch die eigene Umgebung kann man naturnah gestalten. Finger weg von Steinschotter. Da rieselt irgendwann sowieso Laub ein. Dann ist noch Folie drunter, damit die Welt oben mit der Welt unten nicht korrespondieren kann. Das bedeutet aber auch, dass der Regenwurm unten keine Luft bekommt. Auf gefüllte Blüten verzichten, denn dann kommen die Bienen nicht an den Nektar heran. Gemüse anbauen. An das Kraut von Karotten legt zum Beispiel der Schwalbenschwanz seine Eier. Literatur gibt es genügend – man muss es nur machen und Mut haben.

Das bedeutet: Wir können alle doch einiges tun?

Ja sicher. Wir können und müssen es sogar. Und momentan ist die Bereitschaft, etwas zu tun und von der Politik etwas einzufordern, in einem Maße gegeben ist wie bisher noch nie.

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