Beilstein-Maad Faszination der Arbeit mit vier Elementen

Von
Metallgestalter-Meister Martial Herbst schmiedet mit Hammer und Herzblut. Foto: Michael Raubold Photographie

Beilstein-Maad - Wenn Martial Herbst die Schürze anlegt, seinen Ohrenschutz einstöpselt und den Schalter umlegt für den Rauchabzug über der Schmiede, liegt Spannung in der Luft. Die Steinkohle geht dank eines aus der Tiefe erzeugten Luftstroms in kaum 60 Sekunden in lodernden Flammen auf und bildet Glutnester, es legt sich ein schwefeliger Geruch über die im Halbdunkel liegende Werkstatt. Hämmer hängen in Reih’ und Glied an der Wand, der Amboss prangt im Zentrum. Wenn das Eisen weiß glüht – geschmiedet wird bei Temperaturen zwischen 1150 und 750 Grad – saust der gewaltige Hammer auf den Amboss nieder. Dumpf und rhythmisch schlägt Metall auf Metall: „Klong, klong, klong“.

Die lodernden Flammen erhellen die konzentriert angespannten Wangenmuskeln unterhalb der Schutzbrille diffus. Im Takt der Hiebe formt sich das Werkstück ganz im Sinn des Maader Schmieds, die Form des Gingkoblattes schält sich nach und nach aus dem weißlich und rötlich schimmernden Stahl heraus. Schon seine ersten künstlerischen Arbeiten widmete Herbst ganz den Gingkoblättern. „Sie sind früh zu meinem Markenzeichen geworden“, sagt der 45-Jährige, nachdem er den Hammer für einen Moment zur Seite gelegt hat. „Das Spektrum des Handwerklichen ist irgendwann ausgeschöpft, dann geht man weiter“, so Herbst. Fasziniert ist er vom Lebensbaum Gingko bis heute, aber auch den vier Elementen schlechthin. Es reizt ihn, die Schönheit der Natur in Formen aus Stahl umzusetzen. Im Vorgarten des Wohnhauses mit angeschlossener Werkstatt recken sich einige stählerne Gingko-Blätter gen Himmel. Künstlerischen Ausdruck verschafft sich Herbst mit Hammer und viel Herzblut. Mit dem Bildhauer Daniel Brenner, Sohn des Malers Willus Brenner, verbindet Martial Herbst eine Freundschaft. Herbst beginnt, Skulpturen zu schaffen, die von Gemälden Willus Brenners inspiriert sind, natürlich mit Autorisierung des Nachlassverwalters. Die Arbeit geschieht in enger Abstimmung mit dem Sohn Willus Brenners. Gemeinsam schaffen die beiden Künstler 2010 ein Mahnmal für die Opfer von sexualisierter Gewalt im Auftrag der inzwischen geschlossenen Odenwaldschule.

Für Martial Herbst sind die Übergänge zwischen Handwerk und Kunst fließend. Auch am Begriff des Kunsthandwerks stört sich der gebürtige Ludwigsburger, der 1998 nach Maad zog, so keineswegs. „Ich weiß genau, was das Material kann, so entwickle ich meine Ideen entsprechend der Möglichkeiten und Grenzen des Werkstoffs.“ Reine Künstler dächten oft erst einmal unabhängiger von der Ausdrucksform.

Übers Jahr schmiedet Herbst viele Unikate und Sonderanfertigungen ganz nach Kundenwunsch. Das Spektrum reicht dabei von schlicht bis kunstvoll verzierten Toren über Skulpturen für den Garten bis hin zu Restauratorenarbeiten, etwa am Goldenen Löwen, dem Wappentier eines Gasthauses. Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr hält sich Herbst frei von Auftragsarbeiten, nutzt die Phase bewusst für künstlerische Experimente. Die kreative Auszeit zwischen 2015 und 2016 war dabei eine ganz besondere. Herbst führt die Besucher aus dem Dunkel der Werkstatt ins Haus. Im Flur warten hier Exponate auf eine bald stattfindende Ausstellung. „Sie sind alle meine Babys“, sagt Herbst emotional, doch fast ehrfürchtig wird er, als er mit seinen Händen sanft eine zerbrechlich wirkende Scheibe von ihrem Sockel hebt, sie im Sonnenlicht wiegt. Die Oberfläche schimmert mysteriös zwischen gräulich und bläulich.

Die Kreisform bricht hier und da schroff ab, wird porös und lückenhaft. Auf Ständern ruhen weitere Schalen von ähnlicher Größe. Kupferrote Flächen heben sich dort von einem gräulichen Zinnfeld ab, in den Übergängen haben sich die Stoffe schichtweise übereinander gelegt. Beim Erkalten bilden sich baumrindenartige Muster, kleine Täler und Erhebungen zeichnen sich ab. Assoziationen einer Mondkrater- oder Wüstenlandschaft entstehen. Entstanden sind die Schalen in einem Gussverfahren in großen Sandformen. Mit dem Einbringen des geschmolzenen Metalls aus dem Gießtiegel entstehen Flächen, die erkalten, und an die weitere Flächen angedockt werden. Die Ungewissheit im Entstehungsprozess reizt den Metallgestalter insbesondere. Damit umzugehen sei für einen Handwerker, der sonst auf Präzision und millimetergenaue Arbeit bedacht ist, durchaus nicht leicht. „Man muss Zufälle zulassen.“ Es ist wohl dieses Gebiet des Experimentellen, das übers Handwerk hinausweist, das Martial Herbsts Leidenschaft für den Werkstoff Metall immer wieder aufs Neue entfacht.

Fotostrecke
Artikel bewerten
6
loading