Beilstein Genie und Wahnsinn liegen nahe beieinander

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Die Nachwuchs-Mimen haben ihre Rollen überzeugend gespielt. Foto: avanti

Beilstein - Es ist richtig schwere Kost, die sich die Theater-AG am HCG Beilstein für ihren diesjährigen Auftritt ausgesucht hat. Denn mit dem als Komödie bezeichneten Stück „Die Physiker“, das Friedrich Dürrenmatt geschrieben hat und das im Jahr 1962 uraufgeführt wurde, kommen schließlich elementarste Fragestellungen und Thesen auf den Tisch. „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurück­genommen werden“, lautet eine davon, und sie verweist darauf, dass alles Zerstörerische seinen Ursprung im menschlichen Denken hat. Dies wird in dem Stück am Beispiel des Kernphysikers Möbius deutlich, der seine gesellschaftliche Existenz opfert und ins Irrenhaus flüchtet, damit seine wissenschaftlichen Erkenntnisse kein Unheil in der Welt anrichten mögen.Doch die Schüler haben sich ihren Schauspielstoff für das diesjährige Theaterstück ganz bewusst ausgewählt. „Nicht einmal der viele Text hat sie abgeschreckt“, wundert sich Deutschlehrerin Susanne Eder, die sich mit ihren Fach-Kollegen Heike Weigelt und Gunnar Schwarm die Aufgaben der Regie teilt. Die Schüler im Alter zwischen 15 und 17 Jahren „wollten unbedingt etwas mit Irrenhaus spielen“, so Eder, die begeistert davon ist, wie sich die jungen Mimen dem anspruchsvollen Bühnenstück genähert haben. Außerdem freut sie, wie gut ihre Schützlinge das Jahr über zu einer großen und festen Gemeinschaft zusammengewachsen sind. So lange Zeit schon proben und feilen die „Physiker“-Darsteller und andere Träger der 18 Rollen, die teilweise doppelt besetzt sind, nämlich schon an ihren Charakteren.

Und die sind mitunter alles andere als einfach. Mit Möbius selbst etwa, dargestellt von Jan Schneider, fängt die Liste der komplexen Rollenbilder an. Eine glückliche Hand hat die Auswahl der Schauspieler bestimmt, denn Jan mimt absolut glaubhaft den großartigen, verantwortungsvollen Wissenschaftler, der sich unter die Narrenkappe geflüchtet hat.

Genial besetzt ist auch die Irrenhausärztin Fräulein Doktor von Zahnd, die in der Geschichte den Part von Möbius’ Gegenspielerin einnimmt. Leah Wewoda gibt der Ärztin, die sich anfangs als „hoffnungslos romantische Menschenfreundin“ darstellt, nur um sich später als skrupel­lose, bizarr-verrückte Intellektuelle zu entpuppen – eine so faszinierend-bedrohliche Gestalt, dass dem Zuschauer mitunter das Blut in den Adern zu gefrieren scheint. Bravourös gelingt Leah der Spagat zwischen dem anfänglichen Scheincharakter der mitfühlenden Ärztin bis hin zu jener Persönlichkeit, die sich als Bedrohung für die gesamte Menschheit herausstellt. Ebenso die anderen beiden Physiker, die sich in ihrer Tarnung als Einstein (Marie Barth, die zudem auch die Gerichtsmedizinerin spielt) und Newton fühlen – und ebenso wenig verrückt sind, wie Möbius selbst –, geben eine beachtliche Figur ab: Newton, gespielt von Elias Eisenreich, schenkt der Rolle vor allem Format durch die würdevoll-einschüchternde Körpersprache, die er souverän auf die Bühne der Stadthalle bringt.

Auch Max Hanselmann, dem als Inspektor Voß und als Missionar Rose eine Doppelrolle zufällt, setzt bei seinem Auftreten eigene Akzente und witzige Momente.

Letztere verteilen sich übrigens ausgewogen über die gesamte Dauer des Stückes und lassen – trotz der hohen Brisanz und der Aktualität des Themas – immer wieder Heiterkeit und köstliche Situationen aufkommen, die das Publikum belustigen. Zum Dank dafür spendet es lebhaften Applaus für eine wahrhaft schillernde Schüler-Aufführung.

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