Beilstein-Gagernberg „Wie ein Tag Urlaub“ – mit Kind und Kufen

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Marcel Müller aus Jettenbach hat seine alten Schlittschuhe ausgegraben.Mika (14): Eis blitzt, die Kufen laufen heiß. Foto:  

Beilstein-Gagernberg - Ob das Eis wohl hält? Stern- bis wurzelförmige Risse an mehreren Stellen zeugen von – inzwischen wieder zugefrorenen – Bohrungen oder Pickel-Hieben in die Eisdecke. „Das ist der Selbstschutz der Gagernberger, das machen die selbst“, erklärt Marcel Müller. Der 39-Jährige ist mit seiner Tochter Amelie, acht Jahre alt, gekommen. „Man würde ja nicht mit seinem Kind drauf gehen, wenn man nicht überzeugt wäre, dass es hält“, sagt der Jettenbacher. An den Rändern sei das Eis wohl gut ein Drittel weniger dick. Doch auch dort würde die Oberfläche den Schlittschuhkufen und gelegentlichen Spaziergängern problemlos standhalten.

Der Stuckateur zeigt auf seine Schlittschuhe älteren Jahrgangs und sagt fröhlich: „Das erinnert mich an meine Kindheit, die standen 20 Jahre unbeschadet im Keller.“ Der Annasee sei in den letzten Jahren bei seiner Familie in Vergessenheit geraten, berichtet der Vater, der einen freien Tag zum Ausflug mit Kind und Kufen nutzt. Jetzt will er die Jettenbacher Eislauftradition auch an seine Tochter weitergeben. Ganz schwäbisch haben sie für die Achtjährige Schlittschuhe auf der Onlineplattform Ebay ersteigert, „für 15 Euro“.

Für Ilse Frank braucht es keine Prüfung, ob das Eis standhält: „Die Gagernberger haben das im Gefühl“, sagt sie bestimmt. „Seit 30 Jahren schon“ verkauft ihre Familie Glühwein und Schneckennudeln am Annasee, wenn das Wetter passt und es die sonstigen Verpflichtungen erlauben. AmDonnerstagnachmittag gegen 15 Uhr haben die Franks ihr Ständle zwar nicht aufgebaut, aber trotzdem herrscht ziemlicher Betrieb auf der Eisfläche des fast gleichmäßig zugefrorenen Sees im Wald, der einen „ganz besonderen Charme“ hat, wie nicht nur die Gagernbergerin findet.

Die Sonne blinzelt zwischen den Wipfeln aufs Eis bei Temperaturen mit zweistelligen Minusgraden. „Das ist wie ein Tag Urlaub“, ruft eine Frau, die auf Kufen vorbeigleitet. An der tiefsten Stelle sei der Annasee maximal einen Meter tief, schätzt Ilse Frank. Nahe der Ränder ist es entsprechend seichter. Wer einbricht, holt sich also schlimmstenfalls eiskalte und nasse Füße, Knöchel oder Knie.

Derweil hat es sich auf der Seite nach Gagernberg hin eine Handvoll Kinder – dick eingemummt – auf der Oberfläche des Sees bequem gemacht. Alle strecken die Füße weit von sich. Weiter vorne zischt ein Puck über das in der Sonne blitzende und schimmernde Eis. Der 14-jährige Mika zeigt seinem Nachbarn Simon (5), wie man den Puck per Schläger am besten übers Eis jagt, inspiriert vom sensationellen Abschneiden der deutschen Eishockeymannschaft bei den eben zu Ende gegangenen olympischen Spielen im fernen Südkorea.

Fast legendär ist der Eishockeytreff der Gagernberger Jugend, lose organisiert von Benjamin Frank, dessen zwei Kinder die Eishockeytradition in die nächste Generation mitnehmen.

Wilhelm Stocker, Oberstenfelder seit Geburt 1941 und Stammgast am Annasee seit früher Kindheit, kann sich erinnern, dass der See einst mindestens „doppelt so groß“ war. Heute seien große Flächen zugewachsen. Als noch US-Truppen bei Heilbronn stationiert waren, hätten die einmal in ihrer Freizeit Schlamm aus dem See gebaggert, Randbereiche freigeschnitten und ihn so wieder vergrößert.

Der See gefriere schnell und zuverlässig zu, auch heutzutage noch jedes Jahr, versichert die Anwohnerin Ilse Frank. Beschildert oder geprüft werde die Eisfläche aber nicht, informiert der Bauamtsleiter Tim Breitenöder im Rathaus von Beilstein. Das Betreten geschieht also auf eigene Gefahr.

Info: Der Annasee ist etwa zwei Kilometer nordöstlich von Schmidhausen gelegen, unweit von Jettenbach im Schmidbachtal. Vom Weiler   Beilstein-Gagernberg liegt der See 500 Meter entfernt im Wald, siehe auch hier: www.beilstein.de 

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