Beilstein Attitüden der Gesellschaft entlarvt

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Die Theater AG des Herzog-Christoph-Gymnasium legt Vertuschtes frei. Foto: avanti

Beilstein - D

er Schein trügt: Die festliche Tafel kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich am Sonntag bei der „Kleinbürgerhochzeit“ um einen echten Brecht gehandelt hat. Das Bühnenstück nämlich, das im Beilsteiner Schloss zweimal zur Aufführung kam, zeigt Zähne.

Jeder Stuhl ist besetzt, als die elf Darsteller der Theater AG des Herzog-Christoph-Gymnasiums (HCG) in den Raum treten, wo nach Aussage von Hausleiterin Brigitte Schober-Schmutz „schon immer gefeiert und gut gegessen wurde“. Dort, wo auch heute noch Essens-Gesellschaften an der Tagesordnung sind, stellte Schober-Schmutz den stilvollen Raum den jungen Akteuren zur Verfügung, um ihnen einen idealen Rahmen für ihr Spiel zu geben. Das Theaterstück bildete in diesem Jahr zudem den künstlerischen Fixpunkt rund um den im Haus stattfindenden Weihnachtsmarkt. Schon kurz nach Start des Schauspieles dürfte den Zuschauenden klar gewesen sein: Das Einstudieren der Inszenierung war vermutlich ein hartes Stück Arbeit.

Die Lehrer und Regisseure, Gunnar Schwarm sowie Heike Weigelt, haben sich mit ihren Schülern kräftig ins Zeug gelegt, um präzise ausgebildete Charaktere in die Aufführung zu integrieren. Kein leichtes Unterfangen, hat doch Brecht Folgendes dazu gesagt: „Orgie der Hohlheit, der Langeweile, der Öde und der Vereinzelung.“

Nun, langweilig dürfte es keinem der Zuschauer bei dem kraftvoll-chaotischen Stück gewesen sein. Herausgekommen ist nämlich ein Spiel, das in Brecht’scher Überzeichnung offenlegt, worüber man in vielen Familien stolpern kann. Der Autor entlarvt mit seiner „Kleinbürgerhochzeit“ recht schonungslos die Attitüden seiner Mitmenschen: Egal, ob sich jemand für etwas Besseres hält, oder die Brautmutter (Magdalena Kolar) sich als Kratzbürste und Befehlshaberin inszeniert. Oder ob man dem eigenen Partner so überdrüssig geworden ist, dass man ihn rücksichtslos übergeht. Prachtvoll dargestellt von Denise Hetzer und Max Hanselmann, der gegen Ende hin richtig aus sich herausgehen darf.

Fast alle Figuren sprühen vor perfidem Charme. Das Brautpaar (Jule Aßmann und Henrik Maxeiner) verdeutlicht etwa, wie man sich ein lebenslanges Zusammensein nicht vorstellt. Lara Totsche, die als Schwester der Braut die Peinlichkeiten naiv auffangen will, bietet bespaßende Ablenkungsmanöver an. Jan Schneider als Hochzeits-Crasher darf bei der Parade ebenso wenig fehlen wie die aussagekräftigen Rollen Eddie Ehrlichs (Leander Krysl) und der Catering-Tussi (Clara Krebs).

Letztere sind dem Skript hinzugefügt worden, ergänzen jedoch das Brecht-Werk in amüsanter Weise. Das gilt auch für den geschwätzigen Brautvater (Silas Föll), der von der Familie im Redeschwang ruppig ausgebremst wird. Elias Eisenreich spielt den arglosen Freund und überzeugt auch als Sänger, der Vertuschtes freilegt.

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