Affalterbach Unscheinbarer Lotse am Wegesrand

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Unweit der Landesstraße von Affalterbach nach Winnenden steht die Anlage Luburg, die den Luftverkehr zum Flughafen Stuttgart dirigiert. Foto: Oliver von Schaewen

Affalterbach - Flugzeuge in meinem Bauch – so besingt Herbert Grönemeyer im gleichnamigen Lied ziemlich schmerzhaften Liebeskummer. Weitaus weniger Sorgen dürfte sich die Gemeinde Affalterbach darüber machen, dass die Deutsche Flugsicherung (DFS) das Drehfunkfeuer auf ihrer Gemarkung im Jahr 2020/21 erneuern will. „Bisher liegt uns noch kein Bauantrag vor“, sagt Steffen Döttinger, Bürgermeister von Affalterbach. Die DFS, eine bundeseigene GmbH, habe noch nicht einmal Kontakt mit ihm aufgenommen. Er halte die Anlage jedoch für wichtig und sehe derzeit keine Probleme.

Tatsächlich sei der Termin für die für den An- und Abflug in Stuttgart „sehr wichtige Anlage in Affalterbach“ 2020/21 vorgesehen, teilt Kristina Kelek, Sprecherin der im hessischen Langen ansässigen DFS mit. Das Unternehmen plane, bis zum Jahr 2024 alle 60 Drehfunkfeuer im Bundesgebiet zu erneuern, damit sie bis 2029 als Backups für GPS-Systeme zur Verfügung stehen. Spätestens dann sollen alle Flugzeuge grundsätzlich per Satellit navigierbar sein. „Die Crews brauchen aber bei Ausfällen weiterhin bodengesteuerte Alternativen: Deshalb verbessern wir die Drehfunkfeuer“, sagt Kristina Kelek. In Affalterbach werde das UKW-Funkfeuer mit dem Umbau „robuster und unempfindlicher“ gegen Störungen, sagt Kelek, die Fläche der Anlage werde sich in etwa verdoppeln. Allerdings könnte die DFS nicht versprechen, den Umbau in Affalterbach auf jeden Fall bis 2020/21 zu schaffen. „Wir müssen immer wieder die Reihenfolge unserer Projekte daran ausrichten, was für die Flugsicherung aktuell wichtig ist.“ So müssten in der Umbauphase eines Projekts auch genügend andere Anlagen für die Flugsicherung zur Verfügung stehen. Insgesamt seien schon 40  Drehfunkfeuer umgestellt, es gebe noch 20 mit dem konventionellen Verfahren.

Die Anlage in Affalterbach trägt den Namen Luburg und verrichtet auf freiem Feld zwischen Affalterbach und Winnenden unauffällig ihren Dienst. Autofahrer auf der Landesstraße  1127 nehmen das wenige hundert Meter entfernt liegende Häuschen mit der nicht allzu langen Antenne allenfalls aus den Augenwinkeln wahr. In die Schlagzeilen geriet Luburg erst, als im Vorjahr bekannt wurde, dass die Modernisierung geplant ist. Damit würde sich der Radius der Schutzzone von 15 auf zehn Kilometer verringern. Das könnte den Bau von Windkraftanlagen erleichtern. Schließlich müssen Baugesuche für höhere Gebäude nur dann der Landesluftfahrtbehörde beim Regierungspräsidium Stuttgart sowie dem Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung vorgelegt werden, wenn sie innerhalb der Schutzzone liegen. „Wir waren auch schon einmal in unserem Gewerbegebiet betroffen“, erinnert sich Steffen Döttinger an ein Baugesuch in Affalterbach. Die Prüfung des Einzelfalls verlief positiv: Der etwa 15  Meter hohe Kamin eines Industrieunternehmens, der mehr als 600 Meter entfernt lag, konnte gebaut werden.

Ob Windkraftanlagen in der Region Stuttgart angesichts der Windverhältnisse und den Vergütungen für Stromeinspeisung letztlich rentabel genug sind, erscheint derzeit unklar. Viel wird davon abhängen, wie attraktiv die neue Bundesregierung die Stromeinspeisung vergütet, wenn sie das Erneuerbare-Energien-Gesetz novelliert. Die Befürworter von Windkraftanlagen im Rems-Murr-Kreis forderten eine möglichst rasche Luburg-Modernisierung, damit geplante Windkraftanlagen wie etwa Zollstock-Springstein bei Oppenweiler und Buocher Höhe bei Korb nicht mehr in der Schutzzone lägen – und damit ihre Chancen für eine Genehmigung steigen würden. So forderte die SPD im Rems-Murr-Kreis den Landkreis auf, sich aktiv für eine bevorzugte Modernisierung einzusetzen, während die Kreis-CDU den Landkreis nicht für zuständig hielt. Die CDU stützte damit die Ansicht des zuständigen Kreisdezernenten Peter Zaar, der in der Sitzung vor einem Jahr argumentierte, die DFS müsse sowieso Bauwerke über 100  Meter genehmigen – unabhängig davon, ob sie in der Schutzzone liegen oder nicht. Auch gelte für eine solche Zone kein generelles Bauverbot. Rund 80  Prozent der Windkraftanlagen in Schutzzonen würden genehmigt.

Ein längeres Zuwarten könnte allerdings zur Folge haben, dass die Schutzzone mit Störfaktoren „aufgefüllt“ ist, erklärt die DFS-Sprecherin Kristina Kelek. „Dann wird es mit einer Genehmigung schwierig.“ Tatsächlich gebe es eine Art Windhund-Prinzip, wonach der zuerst mahle, der auch zuerst gekommen sei. Es könnte dann also sein, dass mögliche Windkraftinvestoren mit ihren Planungen das Nachsehen haben – und tatsächliche ähnliche Flugzeuge im Bauch verspüren, wie sie Herbert Grönemeyer in seinem Lied besungen hat.

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