Affalterbach Andere mit dem Reisefieber anstecken

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Marian mit Hündin Lina am Strand von Den Haag. Der 14-Jährige schreibt nicht nur die Texte für seinen Blog, er macht auch die Bilder und neuerdings Videos. Foto:  

Affalterbach - Für einen 14-Jährigen hat Marian Grau einen ziemlich vollen Terminkalender. Der junge Mann ist gefragt: Die Tageszeitung Die Welt, das ZDF, ProSieben oder das Traveller-Magazin aus dem Hause Lonely Planet – alle reißen sich um „Deutschlands jüngsten Reiseblogger“. Den Titel trägt der Affalterbacher mit Stolz. „Bei meinen Recherchen habe ich jedenfalls keinen jüngeren gefunden“, sagt er selbstbewusst.

Die Aufmerksamkeit in den Medien tut seinem Blog www.geomarian.de gut. Dort berichtet der Schüler des Marbacher Friedrich-Schiller-Gymnasiums von seiner liebsten Beschäftigung: dem Reisen. Damit erreichte er in der Vergangenheit bis zu 2500 Besucher monatlich – was ja an und für sich bereits eine beachtliche Zahl ist. Seit jedoch über seine Aktivitäten berichtet wird, schauen bis zu 1800 Leute auf seiner Seite vorbei – und zwar täglich!

Dabei lernen sie einen Teenager kennen, der sich nach eigenen Aussagen nicht als normalen 14-Jährigen sieht. Zwar habe er wie alle anderen seinen Spaß am Fernsehen oder Spielen auf der Playstation, „aber ich ziehe mich halt eben auch gerne zurück und plane die nächste Reise“. Sicher habe seine familiäre Erfahrung dazu beigetragen, dass er vieles anders sieht als manch Gleichaltriger, berichtet Marian. Vor fünf Jahren starb sein damals zwölfjähriger Bruder Marlon an einer seltenen Stoffwechselkrankheit. Der schwerbehinderte Junge hat die Eltern stark beansprucht, weshalb Marian sich früh selbst zu beschäftigen lernte. „Ich denke, dass mich mein Bruder mehr geprägt hat, wie es irgendjemand auf diesem Planeten jemals tun kann“, schreibt er liebevoll in seinem Blog über die kurze gemeinsame Zeit. „Er war hier, um uns alle zu dem zu machen, was wir jetzt sind – und er ist immer noch hier“, formuliert er tröstende Worte.

Wer Marians Beiträge aufmerksam liest, sollte sich immer wieder auf solche sehr persönlichen Aussagen gefasst machen. Seine Texte verbinden auf ganz eigene Art Fakten mit Erlebtem. Marian scheint trotz seiner jungen Jahre bereits seinen Schreibstil gefunden zu haben. Wie es dazu kam? „Viel lesen!“ Wenn zwischen all den Reiseführern, Reiseberichten und Reiseblogs anderer überhaupt noch Zeit bleibt, greift er am liebsten zu Thrillern.

„Ironischerweise ist Deutsch die einzige Sprache, in der ich einen Zweier habe“, wundert sich der reise- und schreibbegeisterte Jugendliche selbst. Hinter den Fächern Englisch, Spanisch und Chinesisch steht jeweils die Eins. Und das ist auch gut so, denn vor allem Reisen in asiatische Länder haben es ihm angetan. „Ich mag den Buddhismus und dessen Achtung vor dem Leben“, erklärt Marian. Zwar habe es nichts mit dieser Liebe zu tun, dass er ein Karateka geworden ist, aber irgendwie passe das ja ganz gut zueinander. „An diesem Sport schätze ich den respektvollen Umgang mit dem Gegner sowie die Disziplin und die Ausdauer, die man braucht.“

Disziplin und Ausdauer sind auch hilfreiche Eigenschaften, wenn man einen Blog über eine lange Zeit erfolgreich am Laufen halten möchte. Mit zwölf Jahren hat Marian Grau seine ersten Beiträge verfasst, damals noch nicht auf einer eigenen Seite, sondern über einen Drittanbieter. Die frühen Texte hat er großteils nicht übernommen. „Die sind nicht unbedingt so, wie ich sie gerne hätte“, erklärt er. „Oft fehlt diesen Einträgen der Mehrwert“, sagt er selbstkritisch. Wer auf seiner Seite vorbeischaut, soll etwas davon haben. „Klar möchte ich von meinen Erlebnissen berichten“, sagt er, „aber der Leser darf ruhig erfahren, wie er beispielsweise einen günstigen Flug zum beschriebenen Reiseziel findet.“

Die besten Angebote zu finden, ist auch für Marian eine stete Herausforderung. Denn als Schüler hat er aus verständlichen Gründen nicht das monatliche Einkommen, das ihn um die halbe Welt bringt. Darum ist sparen angesagt. Geld, das es zu Weihnachten oder Ostern gibt, wird auf die Seite gelegt. Und auch im Alltag wird auf den Cent geachtet. Übrig gebliebenes Vespergeld kommt dann ebenso ins Sparschwein, wie das Zeugnisgeld für die guten Schulnoten oder der Erlös, der durch den Verkauf selbst gehäkelter Mützen zustande kommt.

Mit dieser Haltung hat er immerhin bereits 71 292 Flugkilometer angesammelt. Und schon in zwei Wochen geht es wieder in die Luft, dann nach Helsinki. Außerdem stehen dieses Jahr noch eine Reise durch mehrere südamerikanische Länder zusammen mit dem Papa auf dem Plan so wie ein Trip nach Schottland, bevor es 2018 dann nach Borneo gehen soll.

Allmählich trudeln sogar erste Anfragen von Firmen ein, die gesponserte Artikel auf Marians Seite unterbringen wollen. „Das geht aber nur, wenn ich auch hinter dem Produkt stehen kann.“ So wie jetzt eine Firma ihre Reisetagebuch bewerben möchte, „das finde ich gut, weil ich selbst gerne schreibe und das Produkt toll ist“. Hingegen hat er einem Unternehmen, das Nackenstützkissen anpreisen wollte, eine Abfuhr erteilt. „Das bin nicht ich, das passt nicht zu mir“, ist sich Marian sicher. Auf dessen Wunschliste für spätere Berufe steht übrigens erstaunlicherweise nicht der des digitalen Nomaden. „Das wäre toll, ist mir aber zu unsicher.“ Stattdessen könnte er sich eine Kombination aus Journalistik und Touristik vorstellen, „um danach bei einem Reisemagazin zu arbeiten“.

Nutznießerin der Leidenschaft ihres Sohnes ist Mama Manuela Grau. „Er plant alles, ich muss nur noch die Koffer packen und einsteigen“, erzählt sie. Zu ihrem50. Geburtstag habe er eine Reise nach Split organisiert. „Die war vom Raftingausflug bis zum Altstadtrundgang perfekt geplant“, lobt sie ihren Sohn.

Der es allerdings nicht leiden kann, wenn Leute behaupten, der Blog würde in Wahrheit von seiner Mutter betrieben. Er hat sie auch deswegen gebeten, einen Gastbeitrag zu schreiben. „So kann jeder nachvollziehen, dass wir ganz unterschiedlich denken und schreiben“, erklärt Marian.

Kritik nimmt der 14-Jährige sehr ernst, weshalb er alle Kommentare beantwortet. „Ich will wissen, ob sich derjenige die Mühe gemacht hat, mich und meinen Blog kennenzulernen“, berichtet Marian. Häufig kommt das ohnehin nicht vor, denn die meisten Kommentatoren sind voll des Lobes. Dazu zählen übrigens auch gestandene Blogger, mit denen sich der 14-Jährige bereits gut vernetzt hat. Mittlerweile sei er einigermaßen bekannt. „Und wer mich noch nicht kennt, kommt vielleicht bald hinzu“, sagt er und lächelt verschmitzt.

Marians Reiseblog: www.geomarian.de

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